Gestern nacht ist es geschehen: Ich erlitt einen Herzkasper. Es war ein Uhr morgens und ich lag friedlich schlafend im Auto. Meine anfängliche Skepsis gegenüber dem alleine sein habe ich sehr schnell abgelegt und rasch stellte sich ein Gefühl des Vertrauens ein, bei dem ich sehr gut schlafen konnte. Nie hast es jemanden interessiert, dass dort ein einsames Auto mit einem einsamen Mädchen in der Landschaft herumsteht, es wurde nicht geklopft, gepöbelt oder auch nur doof geguckt. Die Nächte in denen das Pfefferspray griffbereit neben meinem Kopfkissen lag und alle Fenster geschlossen waren gehörten der Vergangenheit an. Ich habe mich sogar einmal dabei erwischt, wie ich beinah das Auto nicht abgeschlossen hätte, da meine Angst morgens herauszustürmen, die Tür zuzuknallen und mich auszuschließen größer war, als die Angst vor ungebetenen Besuchern. Nunja, irgendwann ist immer das erste Mal und gestern war es dann so weit: Wach wurde ich davon, dass das Auto wackelte. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, denn der Wind saust hier eigentlich durchgehend mit 50-60km/h durchs Land, aber dieses Wackeln war anders. Und es wurde von einem dumpfen klopfen begleitet, ganz so, als würde es jemand schubsen. Mein Herz begann zu rasen und mein erster Reflex war mich überhaupt nicht mehr zu bewegen, im Tierreich würde das vermutlich unter totstellen fallen. So lag ich stock und steif in meinem Schlafsack und traute mich nicht aus dem Fenster zu schauen. Das Fenster. Das Fenster, was ich am Abend zuvor in meinem naiven Vertrauen offen gelassen hatte. Ganz langsam bewegte ich mich darauf zu, um es zu schließen und was ich dann hörte ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Jemand, oder eher etwas atmete. Ziemlich nah und ziemlich laut. Und als ich dann den Stoff vor dem Fenster langsam beiseite zog um herauszuspähen, erkannte ich, dass ich in der Unterzahl war. Um mein Auto standen genau 10, ja, 10 Kühe. Ziemlich neugierige Kühe, manche stupsten die Motorhaube an, einige schauten nur und zwei hatten ihre Zungen ins offene Fenster gesteckt. Wäre ich nicht so panisch gewesen, hätte ich in diesem Moment wahrscheinlich über mich selbst lachen können, aber das habe ich dann am nächsten morgen nachgeholt. Da standen sie dann, ganz unschuldig und als wäre nichts geschehen auf ihrer Weide, die 2 km von meinem Schlafplatz entfernt war. Die Zäune, die wir Deutschen so lieben gibt es hier nämlich gar nicht. Alle Tiere werden von ihrem jeweiligen Besitzer markiert und irgendwo auf´s Land getrieben. Am Ende der Saison reiten alle Bauern dann gemeinsam los und treiben sie wieder zusammen. Erst dann sucht jeder wieder seine eigenen Tiere heraus. Und so können Kühe dann auch ihr eigentliches Wesen offenbaren und zu den nächtlichen Draufgängern werden, die sie in Wirklichkeit sind.
Den zweiten Herzkasper erlitt ich übrigens an dem Ort, der auf den Fotos zu sehen ist. Hier präsentiert Island sich von seiner rauen und einschüchternden Seite. Steile Klippen, eine nicht zu bändigende See, gegen deren Wellen der Atlantik vor Sao Luis, in dem schon etliche brasilianische Kinder ertrunken sind wie eine Badewanne wirkt und ein Geräuschpegel, der an einen Flughafen erinnert. Die Wellen schlagen gegen die Felsen und die Gischt spritzt 15 Meter hoch in die Luft, es ist zu windig, dass man kaum stehen kann und die monströsen Klippen sorgen für eine Akustik, bei der aus jeder Welle zehn werden. Da spaziere ich also entlang, als ein Windstoß den Schädel eines Schafes (vermute ich) vor meine Füße schleudert. Danach hab ich mir selbst erstmal eine zehminütige Atemtherapie verordnet, um mich wieder zu beruhigen.




Schöne Gruselgeschichten und die Bilder sind toll.
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